„Frau Netta, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, gestand ein älterer Herr kürzlich, als er seine Enkelin aus dem Kinderhaus SieKids abholte. „Ich hatte Ihre digitalen Projekte in der Kita voreilig als neumodische Spielerei abgetan. Jetzt, wo ich den Einsatz vor Ort sehe, verstehe ich den Nutzen erst.“ Solche Erkenntnisse bringen Brigitte Netta regelmäßig zum schmunzeln. Als Mitarberiterin der Amberger Caritas und Leiterin der beiden Amberger Kitas SieKids und CampusKids erlebt sie täglich, wie in ihren Einrichtungen nicht nur Kinder Neues lernen. 

Digitalisierung und Innovation darf für die engagierte Ambergerin keinesfalls bloß in Hochglanzbroschüren stattfinden. Bei den Siekids hängt das erste Smart Board daher ganz unspektakulär neben der Garderobe im Flur und fügt sich völlig natürlich in den Lernalltag ein. Auf dieser digitalen Tafel bereiten die Kleinen zum Beispiel ihre Ausflüge durch Fotos und Wegzeichnungen vor. „Lebensorientierte Arbeit“ nennt der Bildungsauftrag des Sozialministeriums so etwas. Schließlich gehören Smartphones, Tablets und Co. heute ganz selbstverständlich zum Alltag der Kinder dazu. Aus Nettas Sicht wäre es deshalb eher unnatürlich, neue technische Entwicklungen aus einer Kita fernzuhalten: „Es geht längst nicht mehr darum, ob Kinder mit digitalen Medien in Berührung kommen, sondern wie.“

 

Technik ist (k)ein Kinderspiel

Zur frühen Medienkompetenz zählt ein Grundverständnis für die technische Entwicklung, welche die Kinder anhand von alten Küchenwaagen und Kassettenrekordern spielerisch erforschen. Heutzutage fürchten einige Pädagogen, das viele Klicken und Wischen ersetze irgendwann das dreidimensionale Ertasten der Welt. Dabei lassen sich beide Sinneserfahrungen auch ideal kombinieren. So können sich die „Ambärchen“ der SieKids Kita zum Beispiel dabei filmen, wenn sie einen Turm mit Bauklötzen bauen. Sie schauen sich das Video danach gemeinsam an und lernen, ab welcher Höhe ihr Turm ins Wanken kommt. Die Kinder nutzen digitale Geräte nie allein und ausschließlich zum kreativen Entdecken. Damit werden Tablets und ähnliches automatisch als Lernhilfen wahrgenommen und die Kinder fragen gar nicht erst, ob sie ein Spiel darauf spielen dürfen. Für Netta werden die Weichen für eine kompetente, kreative, kritische und gesunde Mediennutzung vor allem in der frühen Kindheit gelegt. Zuhause machen die Kleinen jedoch ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der digitalen Welt.

Digitale „Nachhilfe“ für Eltern

Während manche Eltern Smartphones, Tablets und Laptops komplett aus den Kinderzimmern verbannen, erlauben anderen eine beinah uneingeschränkte Nutzung. Diese Unterschiede gab es natürlich auch schon zu Zeiten des Fernsehers und wird es auch immer geben. Die Kita-Leiterin und ihr Team beobachten jedoch, dass sich heute immer mehr Eltern mit dem Thema digitale Bildung überfordert fühlen. Gruppengespräche mit anderen Eltern und pädagogischen Fachkräften aus den Amberger Kitas leisten hier Abhilfe. Zum Beispiel erklären Netta und ihr Team, weshalb sie Kinderfotos in sozialen Netzwerken nur ohne erkennbare Gesichter teilen, sie weisen Eltern auf die Gefahren der Veröffentlichung und Manipulation von digitalen Bildern hin und erklären, dass jedes Kind ein Recht am eigenen Bild hat. „Wenn ein Mädchen sich für seine „Schokoschnute“ schämt, dann lernt es, seine Mama zu bitten, das Foto nicht an die Oma weiterzuleiten.“, erklärt Netta beispielhaft. In solchen Gruppengesprächen diskutieren die Teilnehmer auch die bestmögliche Kommunikation zwischen Pädagog*innen und Eltern. Neben den üblichen Briefen, Aushängen und Elternabenden kommen immer häufiger auch E-Mails, WhatsApp und diverse Chatgruppen hinzu. Was die Arbeit der Fachkräfte in vielen Fällen erleichtert, führt manchmal auch zu neuen Herausforderungen.

Innovation in Teamarbeit

Mit der Verbreitung neuer Kommunikationsformen kontaktieren Eltern ihre Ansprechpartner im Kinderhaus heutzutage gerne auf verschiedensten Wegen, doch das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit kann die Mitarbeiter*innen auch schnell belasten. Zudem sollte die Sicherheit von gängigen Apps wie Facebook, WhatsApp und Co. hinterfragt werden. Mit der Einführung der dänischen Kita-App Nembørn möchte Netta beide Fliegen mit einer Klappe schlagen. Diese erleichtert nicht nur die Kommunikation unter den Mitarbeitern. Durch digitale Portfolios erlangen Väter und Mütter hier einen völlig neuen Zugang zum Alltag ihrer Kinder, indem bedeutende Alltagsmomente digital festgehalten und durch die Pädagog*innen direkt an die Eltern geschickt werden. Bei ihrem bunt gemischten Team schätzt Netta besonders, dass traditionelle Rollenbilder von Frauen und Technik aufgebrochen werden und die Fachkräfte aus verschiedenen Kulturen und Lebensphasen auch eine gesunde Skepsis gegenüber neuen Medien äußern und konstruktiv diskutieren. Unter anderem fließt ihre wertvolle Arbeit zum Beispiel in Studien des Instituts für Frühpädagogik (IFP) und des Instituts für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) ein. Die beiden Kinderhäuser werden weit über die Amberger Stadtgrenzen hinaus als wichtige Vorreiter in der frühkindlichen Medienerziehung gesehen.

Vordenker schauen nach Amberg

Ein Einblick in Nettas Arbeitsalltag macht schnell deutlich, dass digitale Bildung in der Kita sowohl die Kinder als auch die Eltern und Fachkräfte betrifft. Fragt man die Ambergerin, welche der drei Säulen für sie die größten Herausforderungen birgt, bekommt man jedoch eine ganz andere Antwort: „Die größte Hürde liegt für uns in der Technik selbst“, erzählt Netta. „Zum Beispiel ist nicht in allen Räumen unserer Kita WLAN verfügbar.“ Dabei zählt das betriebsnahe Kinderhaus SieKids zu einer von hundert bayerischen Einrichtungen für den Modellversuch „Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken“, womit das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales Kindertageseinrichtungen beim sinnvollen Einsatz digitaler Medien in den Bildungs- und Arbeitsprozessen unterstützen möchte. Solche Defizite fallen Netta besonders bei Forschungsreisen wie kürzlich in Tallinn auf. In Estland gehöre der Umgang mit technischen Geräten laut Netta längst zum Bildungsalltag, während wir in Deutschland noch stark hinterherhinken. Davon lasse sich die Kita-Leiterin aber nicht aufhalten. Immerhin beschreibt sie ihre Arbeit als „good practice“ im Prozess und ihre Kitas folgen dem Leitsatz „Nichts ist so gut, dass es sich nicht verbessern lässt.“ Das entdeckende Lernen gilt in Amberg also nicht nur für die Kinder. Auch Netta bringt sich ihr Wissen täglich aufs Neue bei. Einen Computerkurs habe die Pionierin übrigens noch nie besucht.

ÜBER BRIGITTE NETTA
Die Ambergerin arbeiet für die Caritas und leitet die beiden Kitas SieKids und CampusKids seit 2013. Sie referiert und publiziert im Bereich Frühpädagogik, engagiert sich als Praxisbeirätin am Staatsinstitut für Frühpädagogik und organisiert Kongresse und Fachtagungen für Digitale Bildung im ACC und an der OTH. Darüber hinaus ist Netta auch kommunalpolitisch als Stadträtin und 3. Bürgermeisterin aktiv und fördert die Amberger Kultur- und Kreativszene durch verschiedenste Projekte.

NEUES KINDERHAUS DIGIMINT-KIDS

Zum 01.07.2020 plant Netta die Eröffnung ihres dritten Kinderhauses „DigiMINT-Kids“. Die Kita im Erdgeschoss der ehemaligen Grammer-Zentrale war eine Idee des Oberbürgermeisters Michael Cerny und setzt einen weiteren Meilenstein auf Ambergs digitalem Bildungsweg und einen klaren Fokus auf die sogenannten MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Zur Betreuung der bis zu 65 Plätze sucht sie derzeit nach engagierten Zukunftsgestalter*innen. Einen Vorgeschmack auf den Arbeitsalltag bekommt ihr in diesem Artikel oder diesem
Video und Neuigkeiten zu den DigiMINT-Kids erfahrt ihr unter facebook.com/DigiMINTKids. Auch wer sich als ehrenamtliche(r) Bildungspartner*in einbringen möchte, darf sich jederzeit bei Netta melden: Brigitte.Netta@caritas-amberg.de